Tissint







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Beat Booz

Ich bin 52 Jahre alt und Maschinen-Ingenieur von Beruf.

Schon im Kindesalter hatte mich der Sternenhimmel fasziniert. Die Astronomie als Hobby führte mich später über die Asteroiden und ein wenig Himmelsmechanik zu meiner Leidenschaft für die Meteorite. Im Jahre 1983 war ein kleines Stück des Eisenmeteoriten Canyon Diablo der Start meiner Sammlung. Der Tissint-Fall war ein solch bedeutendes, seltenes und spektakuläres Ereignis, dass ich es nicht unterlassen konnte, den Versuch zu wagen, darüber eine Geschichte aus einer etwas anderen Perspektive, zu schreiben."





Vorgelesen von Karin Schneider, Freiburg


 
Tissint – oder – was ein schwarzer Stein zu erzählen hat

Bitte erlaubt mir, dass ich mich kurz vorstelle. Mein Name ist Tissint und ich komme von sehr weit her. Was für ein merkwürdiger Name werdet ihr vielleicht denken, und woher mag ich wohl kommen!? Na gut, dann mal alles der Reihe nach...

tissintIch bin vor sehr sehr langer Zeit, so etwa vor 400-500 Millionen Jahren entstanden. Als flüssige Lava wurde ich damals vom Innern meines Heimat-Planeten zur Oberfläche befördert, erstarrte dort und blieb als vulkanisches Gestein liegen. Dies auf einem Planeten unseres Sonnensystems. Ähnlich wie auf der Erde erlebte auch ich Tag- und Nachtzyklen, jedoch dauerte bei mir ein ganzer Tag etwas länger, nämlich 24 Stunden und 37 Minuten. Mein Heimatplanet umkreist in 687 Tagen einmal die Sonne. Ein ganzes Jahr dauerte demnach fast doppelt so lange wie auf der Erde. Da der Sonnenabstand grösser als derjenige der Erde ist, war es dort viel kälter. Die Atmosphäre war sehr dünn. Kein Ort, auf welchem Menschen ohne Raumanzüge überleben könnten!

Auf der Erde hingegen gab es damals, bei meiner Entstehung, bereits ein artenreiches Leben. Wirbeltiere vor 470 Millionen Jahren, Fische vor 420 Millionen Jahren, Amphibien vor 360 Millionen Jahren und Reptilien vor 280 Millionen Jahren. Etwas betrübt war ich, als ich mit ansehen musste, wie vor 65 Millionen Jahren die grösste je auf der Erde lebende Tiergattung, die Dinosaurier, ausstarben. Alles deutete damals auf eine kosmische Katastrophe hin, welche dieses Ereignis verursachte. Irgend etwas war auf die Erde gestürzt.

Als ich dann schon einige hundert Millionen Jahre an meinem Geburtsort gelegen hatte, geschah etwas aussergewöhnliches. Ich weiss nicht mehr ganz genau wann, aber so etwa vor 1 bis 2 Millionen Jahren, jene Zeit in der auf der Erde bereits Vormenschen mit aufrechtem Gang existierten, die Homo Habilis. Aber nun dazu, was mit mir an jenem Tage geschehen ist, bzw. was ich erlebt habe.
Am rötlichen Himmel tauchte aus dem Nichts etwas auf was gleissend hell aufleuchtete und rasend schnell näher kam. Wenige Sekunden später gab es eine gewaltige Explosion, bei welcher der grösste Teil meiner Umgebung vernichtet wurde. Ich selbst verspürte einen enormen Druck und wurde mit grosser Wucht wegkatapultiert. Ein Blick zurück zeigte mir, dass auf der Oberfläche, auf welcher ich so lange gelegen hatte, ein grosser neuer Krater entstanden war. Jedenfalls war die Wucht des eingeschlagenen Körpers so gewaltig, dass ich dabei hoch geschossen wurde und eine unglaublich hohe Geschwindigkeit von mehr als 5 km/s erreichte. Diese war so gross, dass sie mich nicht wieder auf meinen Heimatplaneten fallen liess. So flog ich nun auf einer neuen Umlaufbahn als ein Gesteinsbrocken um die Sonne, abgesprengt als ein Stück meines Planeten. Heimatlos trieb ich von nun an als Irrläufer durch das Sonnensystem. Die kosmische Strahlung bombardierte mich unaufhörlich, und es war fürchterlich kalt. Gut, dafür hatte ich nun einen ganz neuen Blickwinkel auf die Sterne und die Planeten. Auch führte mich mein neuer Weg in Regionen des Sonnensystems, wo ich noch nie gewesen war. Wohin sollte mich diese Reise noch führen? Dies war sehr aufregend und doch nur der Beginn eines neuen Abenteuers...


Ich bitte um Verzeihung – ich habe ganz vergessen zu sagen, dass der Mars mein Heimatplanet war. Aber vermutlich haben dies schon einige von euch erahnt...

Meine Reise als Bote vom Mars dauerte so etwa 1-2 Mio Jahre bis genau zum 18. Juli 2011. An dieses Datum erinnere ich mich ganz genau. Dieser Tag war für mich und ebenso für einige Menschen auf der Erde, welche in Süd-Marokko leben, ein einschneidendes Erlebnis. Aber nun alles ganz langsam... Mir war bereits einige Tage zuvor aufgefallen, dass mein Abstand zu einem einladend aussehenden bläulichen Planeten, welcher von einem Mond umkreist wird immer kleiner und kleiner wurde. Je grösser er mir erschien, desto unsicherer wurde ich wie dies wohl enden würde. Er wird doch nicht etwa zur selben Zeit die gleiche Stelle im Raum wie ich durchlaufen? Dies würde unvermeidlich zu einem Zusammenstoss führen. Ich näherte mich mit kosmischer Geschwindigkeit von einigen Kilometern pro Sekunde! Da ich keinerlei Möglichkeiten hatte meine Bahn aus eigener Kraft zu verändern half nur noch beten... Die Kugel des blauen Planeten Erde wurde grösser und grösser. Als sie schon mein ganzes Gesichtsfeld ausfüllte, glaubte ich, dass mein Ende gekommen sei. Frühmorgens um etwa 2 Uhr marokkanischer Erden-Zeit kam es zur Begegnung, die ich wie folgt erlebt habe:

Ich berührte die obersten Schichten der Erdatmosphäre und begann zu leuchten. Innert Sekunden wurde es so heiß, dass meine Aussenhaut ständig aufschmolz und abgetragen wurde. Ich verlor massiv an Gewicht. Dann in einigen Kilometern Höhe über dem Boden wurde der Druck durch die Bremswirkung der immer dicker werdenden Lufthülle der Erde so gross, dass ich in mehrere Teile auseinanderbrach. Meine ursprüngliche kosmische Geschwindigkeit von mehrfacher Schallgeschwindigkeit war kurz danach auf reine Fallgeschwindigkeit gesunken und glücklicherweise stoppte die enorme Hitze, welche zuvor zum Abschmelzen meiner Aussenhaut führte. Ich war nun förmlich schwarz glänzend bekrustet und sah viel schöner aus als noch zuvor im Weltraum. Der grösste Teil meines ursprünglichen Gewichtes wurde aufgerieben und tissint2nur wenig blieb erhalten. Einige Sekunden bis Minuten nachdem ich all dies überstanden hatte, schlug ich auf dem harten Wüstenboden auf. Ich hatte jedoch Glück und bekam nur einige kleine Schrammen ab, welche einen Blick auf mein unversehrtes Innere erlauben. Viele Stücke welche sich zuvor von mir gelöst hatten oder während der langen Reise mit mir geflogen sind, wurden beim Aufprall auf den Boden in Fragmente zerschmettert. Insgesamt blieben von mir etwa 7 kg Gewicht erhalten. Die Stücke wogen von 1g bis zu 1,1 kg. Ich selbst bringe noch 14,71 g auf die Waage.

Von den Menschen erfuhr ich später wie sie meinen Absturz erlebten: Etwa um 2 Uhr frühmorgens sahen sie eine helle Feuerkugel, welche sich von gelb in grün verfärbte und in zwei Teile zerbrach. Kurz danach erfolgte ein ohrenbetäubender zweifacher lauter Knall (der Überschallknall). Nach einigen Sekunden war das Ereignis auch schon vorbei. Den Nomaden, welche aus dem Schlaf geschreckt oder dies beobachtet hatten, war sofort klar, dass etwas vom Himmel gefallen sein muss. Aber wo genau? Bereits Tage danach begannen sie ihre Suche, die lange andauern sollte...

Ich jedoch lag nun da auf dem harten Wüstenboden und harrte der Dinge, die da noch kommen sollten. Immerhin hatte ich als Gesandter vom Mars wieder festen Boden unter den Füssen, und ich hatte überlebt...

Einige Wochen später, etwa im Oktober 2011, tauchten am Horizont Menschen auf. Es waren Nomaden, welche die Gegend absuchten. Als sie mich sahen, hoben sie mich mit grosser Freude auf. Nun wurde mir plötzlich klar, dass sie nach mir und meinen vielen anderen abgesprengten „Brüdern und Schwestern“ gesucht hatten. Sie brachten mich und auch andere Stücke an einen Ort, wo mich viele Leute bestaunten. Andere Fragmente wurden in Labors gesandt, wo viele Wissenschaftler aufwändige Untersuchungen tätigten. Ich war erstaunt, dass sie schon nach kurzer Zeit herausgefunden hatten, woher wir ursprünglich gekommen sind – vom Mars!

Da noch keine Raumsonde Gesteinsproben vom Mars auf die Erde bringen konnte, sind wir sozusagen ganz frische, heissbegehrte Boten aus einer weit entfernten Welt. So ein Meteoriten-Fall vom Mars ist ein enorm seltenes Ereignis, welches, wenn überhaupt, nur etwa alle 50 Jahre vorkommt. In naher Zukunft gehören wir bestimmt zu den am besten untersuchten Steinen. Die Forscher haben dank uns die grosse Gelegenheit Neues über den Mars herauszufinden. Dies führte dazu, dass wir schon jetzt um ein Vielfaches wertvoller als Gold sind! Viele meiner abgesprengten Fragmente wurden weltweit in Labors, zu Museen, Händlern und Sammlern gebracht und zerkleinert, zersägt und teilweise zersetzt. Was mich betrifft, so bin ich von Marokko aus per Flugzeug zuerst auf eine kleine Weltreise mit mehreren Stationen geschickt worden. Ich habe das Glück gehabt, dass ich ein neues Zuhause in einer Meteoritensammlung gefunden habe und unversehrt bleiben werde. Andere Leute sollen das Wunder eines Steines vom Mars, welcher als Meteorit auf die Erde gefallen ist, auch bewundern können. Ich habe in dieser Kollektion auch einige Nachbarn getroffen, welchen, vor vielen Millionen Jahren, das gleiche Schicksal wie mir widerfahren ist...

Ich hoffe, der Nachwelt erhalten zu bleiben, auch wenn sich der Beschützer der Sammlung durch der Welt Lauf dann in der Zukunft mal ändert. Immer kann er ja auch nicht auf uns aufpassen...

Aber zum Schluss noch zur Auflösung des letzten Geheimnisses. Mein Name Tissint stammt von jenem Ort, welcher ca. 50 km von meinem Fallort entfernt liegt. Nach diesem haben mich die Erdenbürger benannt.

B. Booz
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